Wiener Frauenkunst
Künstlerinnen der Zwischenkriegszeit und ihre Bedeutung
Vor 100 Jahren, im Juni 1926, wurde der Verband bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen-Verein Wiener Frauenkunst gegründet, der bis zur Zwangsauflösung durch die Nationalsozialisten 1938 bestanden hat.
Die Tätigkeit des Verbandes und seiner Mitglieder während dieser Zeit wird im Rahmen der Ausstellung der Landesgalerie Niederösterreich „Wiener Moderne. Weiblich. Widerständig“ präsentiert. Da das Schaffen der Künstlerinnen dieser Zeit und ihre Beiträge zur Kunstgeschichte lange Zeit ignoriert oder übergangen wurden und weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind, versteht sich die Ausstellung als Beitrag zu einer notwendigen Revision der Kunstgeschichte und zur Erweiterung des Blicks auf die Kunstszene der Zwischenkriegszeit.
In der Ausstellung wird das Wirken des Vereins Wiener Frauenkunst – Verband bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen und seiner Mitglieder präsentiert. Der Verein entstand durch eine im Jahr 1926 erfolgende Abspaltung von fortschrittlichen Mitgliedern von der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VKBÖ), die bereits im Jahr 1910 gegründet worden war. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass Frauen zu dieser Zeit weder im Künstlerhaus noch in der Secession oder im Hagenbund als gleichberechtigte Mitglieder aufgenommen wurden.
Fanny Harlfinger-Zakucka (1873-1954), Malerin, Grafikerin, Illustratorin, Designerin und eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Wiener Moderne, war die treibende Kraft hinter dieser Abspaltung und Präsidentin des Verbandes von 1926 bis 1938.
Von 1898-1904 besuchte Fanny Harlfinger-Zakucka die Kunstschule für Frauen und Mädchen, danach die Wiener Kunstgewerbeschule mit den Ausbildungsschwerpunkten Malerei, Grafik, Innendekoration, Möbel und Kunstgewerbe. Nach ihrer Heirat im Jahr 1905 mit dem Maler und Kunstpädagogen Richard Harlfinger, der ihre Tätigkeit als Künstlerin und später als Vereinspräsidentin unterstützte, lebte sie bis 1917 in Mödling, danach in Wien.
Bereits im Jahr 1906 stellte sie im Pariser Salon aus, 1908 auf der von Gustav Klimt und Josef Hoffmann organisierten Kunstschau in Wien, 1909 auf der Internationalen Kunstschau und in einer Ausstellung der von Egon Schiele gegründeten Neukunstgruppe. 1914 wurde sie Mitglied der der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VKBÖ) und nahm an deren Ausstellungen teil.

Die Abspaltung und Gründung des Vereins Wiener Frauenkunst – Verband bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen war die Folge zunehmender Spannungen zwischen dem konservativ ausgerichteten VKBÖ und jenen Mitgliedern, die einen modernen Ansatz verfolgten. Ziele des Verbandes waren, eine enge Verbindung von Kunst und Kunsthandwerk der Moderne und dem Leben zu schaffen, die Vernetzung der Künstlerinnen und die Schaffung von Ausstellungsmöglichkeiten für Künstlerinnen zur Förderung ihrer Präsenz am Kunstmarkt.
Unmittelbar nach seiner Gründung im Juni 1926 begann der Verein mit seiner Arbeit. Diese umfasste sowohl eine intensive eigene Ausstellungstätigkeit. Von 1926 bis 1938 wurden dreizehn eigene Ausstellungen gestaltet. Dazu kamen Führungen durch die Ausstellungen, die Organisation von Gesprächen mit den Künstlerinnen und von Vorträgen sowie Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland.

Bei der Gestaltung der Ausstellungen wurden zukunftsweisende Maßstäbe gesetzt: durch die Einbeziehung von theoretischen Texten bei der Gestaltung von Ausstellungskatalogen, die Entwicklung neuer raumkünstlerischer Konzepte und der Einführung der Themenausstellung als eigenem Format, wie beispielsweise „Das Bild im Raum“, „Wie sieht die Frau“, „Die schöne Wand“.
Die Ausstellungskataloge des Verbandes ermöglichten es der Kuratorin der Ausstellung in der Niederösterreichischen Landesgalerie, Sabine Fellner, die sechs wichtigsten Ausstellungen anhand von Fotos, historischen Dokumenten und ausgewählten Werken der Künstlerinnen nachzuempfinden.
Da viele der Künstlerinnen heute kaum mehr bekannt sind, sollen hier die wichtigsten in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnnen genannt werden: Fanny Harlfinger-Zakucka, Bettina Bauer-Ehrlich, Maria Cyrenius, Helene Funke, Margarete Hamerschlag, Hilda Jesser-Schmid, Broncia Koller, Dina Kuhn, Gabi Lagus-Möschl, Frieda Salvendy, Annie Schröder-Ehrenfest, Marianne Seeland, Susi Singer, Luise Spannring, Maria Strauss-Likarz, Helene Taussig, Hilde Wagner-Ascher, Franziska Zach und Liane Zimbler.

Franziska Zach, Irische-Landschaft, 1929 ©Belvedere-Wien. Schenkung von Renate Banik-Schweitzer. Foto: Johannes Stoll,Belvedere-Wien
Die letzte Ausstellung konnte 1938 zwar noch stattfinden, allerdings war diese bereits von der Reichskunstkammer auf sog. „entartete“ Kunst überprüft worden. Nach der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich und der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Verband bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen-Verein Wiener Frauenkunst zwangsaufgelöst und sein Vermögen sowie jene Mitglieder, die den Anforderungen der Nationalsozialisten entsprachen, in eine „gleichgeschaltete” Dachorganisation überführt.
Die gleichgeschaltete Dachorganisation war in diesem Fall die Vereinigung der bildenden Künstlerinnen Österreichs (VKBÖ), jene Organisation, von der sich der Verband ursprünglich abgespalten hatte! Diese hatte zur Sicherung des Weiterbestandes die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten beschlossen, wurde zuerst in „Künstlerverband Wiener Frauen“, 1941 in „Vereinigung bildender Künstlerinnen der Ostmark“ umbenannt und diente bis 1944 der Propagandakunst.
Jüdische Künstlerinnen und Mitglieder, die nicht der NS-Ideologie entsprachen, wurden aus dem Kunstbetrieb ausgeschlossen, waren zur Emigration gezwungen, manche wählten den Rückzug ins Privatleben. Die Malerin Helene Taussig, Gründungsmitglied des Verbandes, wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Schlussanmerkung: In der Nachkriegszeit erfolgte 1946 durch Fanny Harlfinger-Zakucka eine Neugründung des Vereins Wiener Frauenkunst – Verband bildender Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen, die jedoch zu keiner weiteren Ausstellungstätigkeit führte. Der Verein wurde nach ihrem Tod im Jahr 1954 auf Antrag des Vereinsvorstandes aufgelöst.
Die Ausstellung ist bis 10. Jänner 2027 zu sehen!
Empfehlung der Spurensucherin!
Adresse: Landesgalerie Niederösterreich, Museumsplatz 1, 3500 Krems an der Donau https://www.kunstmeile.at/de/institutionen/landesgalerie
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag und Montag, wenn Feiertag 10.00 – 17.00 Uhr (geschlossen am 24.12., 31.12., 01.01.)
Publikation zur Ausstellung: Wiener Moderne. Weiblich. Widerständig. Fanny Harlfinger-Zakucka und die Wiener Frauenkunst. Hg. Gerda Ridler, Sabine Fellner. Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2026
