ISOTYPE
Wissen für alle
Mit der Gründung der 1. Republik und der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für alle StaatsbürgerInnen wurde auch die Bedeutung der Bildung und des Wissens für die demokratische Staatsform zu einem zentralen Thema.
Sehr viel später hat es der Soziologe Oskar Negt (1934-2004) so formuliert, dass Demokratie die einzige Staatsform ist, die ständig neu gelernt, verteidigt, weiterentwickelt und vor allem gelebt werden muss. Demokratie funktioniert nur durch politisches Engagement, indem Menschen mitdenken, mitreden und Verantwortung übernehmen. Von zentraler Bedeutung ist dabei Bildung, da nur wer informiert ist und kritisch denken kann auch in der Lage ist, demokratisch zu Handeln und Macht zu hinterfragen.
In der neuen Sonderausstellung „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ wird vor dem Hintergrund der Idee, Wissen für alle zugänglich zu machen, die damals von Otto Neurath und seinem Team entwickelte Wiener Methode der Bildstatistik vorgestellt.

Piktogramme: ISOTYPE / Grafik: Olaf Osten
Otto Neurath (1882-1945) war ein österreichischer Nationalökonom, der nach 1919 führend in der Wiener Siedlungsbewegung tätig war und für die Anliegen des genossenschaftlichen Siedlungsbaus und die Selbstversorgung eintrat, sich bereits früh in der Arbeiter- und Volksbildung engagierte und selbst Dozent an der Arbeiterhochschule war.
Ab 1925 war er Leiter des durch seine Initiative aufgebauten und von der Stadt Wien und der Arbeiterkammer gegründeten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. Dort entwickelte er mit seinem Team die Wiener Methode der Bildstatistik.
Zum Kernteam gehörten neben Otto Neurath seine engste Mitarbeiterin Marie Reidemeister und der Künstler Gerd Arntz, der die grafische Abteilung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums leitete. Weitere zentrale Mitarbeiter waren der Grafiker Erwin Bernath und der Buchbinder und Techniker Josef Scheer sowie die Künstler Peter Alma und Augustin Tschinkel. Zu den besten Zeiten hatte das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum rund 50 MitarbeiterInnen.
Gemeinsam entwickelten sie die Wiener Methode der Bildstatistik, die ab 1934 als ISOTYPE -International System of Typographic Picture Education bezeichnet wurde. Ziel war es, durch die anschauliche Darstellung und Erklärung von sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhängen Wissen zu demokratisieren. Der Zugang zu Wissen sollte auch jenen Menschen eröffnet werden, die wenig Schulbildung hatten.
Ausgehend von der Lebensrealität der Menschen ging es darum, Lebenslagen verständlich zu machen und die Menschen zu einer Beschäftigung mit den Inhalten anzuregen. Die aufgegriffenen Themen waren Gesellschaft, Wirtschaft, Gesundheit, Wohnen, Arbeit, Mobilität, Politik, Bevölkerung, Kunstgeschichte, Geschichte und Naturwissenschaften.


Die Darstellungen wurden dabei so abstrakt wie möglich und so gegenständlich wie nötig gehalten. Die vom Gesellschafts- und Wirtschafsmuseum angefertigten bildstatistischen Tafeln waren in ihrer Größe genormt, sodass sie leicht vervielfältigt und in Wanderausstellungen gezeigt werden konnten.
Dadurch wurde die Wiener Methode der Bildstatistik zum Vorreiter moderner Wissensvermittlung im Museum. Wesentlich für diese Idee war auch die Dezentralisierung der Ausstellungsorte des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, diese waren nicht nur an einem, sondern an mehreren Orten zu sehen, sodass das Wissen zu den Menschen gebracht werden konnte.

Otto Neurath und sein Team arbeiteten an der Entwicklung einer internationalen Bildsprache, um allgemein verbindliche Zeichen zu schaffen, mit denen die gesamte gegenständliche Welt dargestellt werden konnte. Die Beteiligung an internationalen Ausstellungsprojekten trug dazu bei, dass die Wiener Methode der Bildstatistik bald in Europa und in den USA Verbreitung fand.

Das Museum gab auch Broschüren und Bücher heraus und publizierte in Zeitungen. Zum Einsatz kam die Wiener Methode der Bildstatistik auch in Plakaten zur Verhütung von Arbeitsunfällen und zur Hygiene.
In Folge der Februarkämpfe 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei, der sozialdemokratischen Gewerkschaften und aller sozialdemokratischen Organisationen wurde auch das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum geschlossen. Otto Neurath und Mitglieder des Kernteams emigrierten zuerst nach Den Haag (NL), wo zu Sicherung der Existenz vor allem kommerzielle Projekte umgesetzt wurden.
Nach der Besetzung der Niederlande durch Nazideutschland mussten sie 1940 nach England fliehen, wo sie zuerst als feindliche AusländerInnen inhaftiert wurden. Später beteiligten sie sich mit Filmen für das Ministry for Information und mit Piktogrammen für Buchserien am Kampf gegen den Nationalsozialismus.
Im Jahr 1942 erfolgte in Oxford die Gründung des Isotype-Instituts, das nach dem Tod Otto Neuraths 1945 von Marie Neurath (geb. Reidemeister, 1898-1986) weitergeführt wurde, bis sie die Arbeit des Instituts 1971 beendete.
„Die Idee, komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass sie unmittelbar verständlich werden, ist heute aktueller denn je. In einer Welt voller Datenfluten und Informationskrisen erinnert uns diese Bildsprache daran, wie wichtig Klarheit, Einfachheit und Teilhabe sind.“ Werner Michael Schwarz, Kurator Wien Museum.

Die Ausstellung ist noch bis 5. April 2026 im Wien Museum zu sehen!
Adresse: Wien Museum, Karlsplatz 8, 1040 Wien https://www.wienmuseum.at/
Konkrete Beispiele dafür sind Bildstatistiken zu den Themen Säuglingssterblichkeit und soziale Lage in Wien, Wohnverhältnisse von Arbeiterinnen, Belastung durch Hausarbeit, Arbeitslosigkeit, Wohndichte in Großstädten oder Kraftwagenbestand.
Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag: 09:00 bis 18:00 Uhr, Donnerstag: 09:00 bis 21:00 Uhr, Samstag/Sonntag 10:00 bis 18:00 Uhr
Katalog: Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien. Hg. Günther Sandner, Werner M. Schwarz, Susanne Winkler. Hirmer Verlag, München 2025.