Amalie Seidel

Amalie Seidel

Sozialdemokratin und Sozialpolitikerin

Amalie Ryba wurde 1876 in Wien geboren. Aufgrund der Armut der Familie musste sie schon als Schulkind als Näherin Heimarbeit verrichten und bereits im Alter von 12 Jahren die Schule verlassen, um als Dienstmädchen zu arbeiten.

Geprägt von ihrem gewerkschaftlich organisierten und parteipolitisch aktiven Vater, trat sie bereits mit 16 Jahren dem Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein bei. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung, wurde Schriftführerin des Lese- und Diskutierclubs Libertas.

Als 17jährige, damals als Packerin im Magazin einer Appreturfabrik in Gumpendorf beschäftigt, organisierte sie 1893 gemeinsam mit Adelheid Dworschak (verh. Popp) den ersten Frauenstreik in der österreichisch-ungarischen Monarchie, der als „Streik der 700“ in die Geschichte einging und heute noch deutlich macht, wie die Arbeitsbedingungen und Rechtlosigkeit der ArbeiterInnen damals waren.

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren tatsächlich katastrophal. In dreizehnstündigen Arbeitstagen (auch an Feiertagen) bearbeiteten sie Textilien mit chemischen Stoffen in einer mehr als 40 Grad Celsius heißen Fabrik ohne Ventilation und erhielten dafür so wenig Lohn, dass sie davon kaum leben konnten.

Nachdem Amalie Ryba die Arbeiterinnen dazu aufgefordert hatte, der Gewerkschaft beizutreten, um gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen und eine Lohnerhöhung zu erreichen, wurde sie noch am gleichen Tag entlassen.

Als am nächsten Tag die Forderungen ihrer Kolleginnen nach einer Verkürzung der Arbeitszeit von 13 auf 10 Stunden und die Wiedereinstellung von Amalie Ryba von der Fabrikleitung abgelehnt wurden, verließen sie die Fabrik. Innerhalb weniger Tage schlossen sich insgesamt 700 Frauen und Mädchen aus drei Appreturfabriken dem Streik an.

Da der Streik großes Aufsehen erregte und die Presse ausführlich darüber berichtete, überprüften nun Gewerbeinspektoren die Arbeitsbedingungen in den bestreikten Fabriken. Nach 12 Tagen Streik konnte der erste organisierte Frauenstreik erfolgreich beendet werden. Die Arbeiterinnen konnten ihre Forderungen nach Verkürzung des Arbeitstages auf 10 Stunden, Verkürzung der Arbeitszeit an Feiertagen auf sieben Stunden, Lohnerhöhung, Bezahlung und Freigabe des 1. Mai erreichen sowie durchsetzen, dass keine der Streikenden entlassen wurde bzw. die bereits entlassenen wiedereingestellt wurden.

Amalie Seidel © ONB Wien Pf54406C1, Bild ID 2776186

Zwei Jahre später, 1895, heiratete Amalie Ryba Ing. Richard Seidel. Nach der Geburt ihres ersten Kindes, dem zwei weitere folgen sollten, gab sie ihre Parteiarbeit vorerst auf. Nach fünf Jahren begann sie wieder bei Frauenveranstaltungen als Rednerin aufzutreten, engagierte sich in ihrem Heimatbezirk Margareten in der Bezirksorganisation und im Frauenkomitee, wo sie sich besonders für die Anliegen der Frauen einsetzte. 1902 gehörte sie zu den Gründerinnen des Vereins sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. Im Jahr 1903 wurde sie zur Vorsitzenden des Frauenzentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs gewählt und übte diese Funktion bis 1932 aus.

In den ersten Jahren ihrer politischen Tätigkeit standen die Verbesserung der Arbeitssituation der Arbeiterinnen und der Kampf um das Frauenwahlrecht im Zentrum ihrer Aktivitäten. Da ihr die Gründung von Konsumgenossenschaften, den Arbeiter -Konsumvereinen, ein besonderes Anliegen war, hat sie 1897 eine Konsumgenossenschaft mitbegründet. 1912 gründete sie gemeinsam mit Emmy Freundlich die „Genossenschaftliche Frauenorganisation“ und organisierte Schulungskurse für dessen Funktionärinnen.

Während des Ersten Weltkrieges war sie auf Bezirksebene tätig, war dann bis 1923 eine der ersten Frauen im Wiener Gemeinderat, 1919/20 Stadträtin für Jugendfürsorge und Gesundheitswesen und bis 1920 einziges Mitglied im Stadtsenat. Nach der Umgestaltung der Stadtverwaltung arbeitete sie von 1920 bis 1923 mit Julius Tandler in der Verwaltungsgruppe III “Wohlfahrtseinrichtungen, Jugendfürsorge und Gesundheitswesen”. Besonders eingesetzt hat sie sich auch für Kinder und Jugendliche im Rahmen der Jugend – und Erholungsfürsorge im Rahmen des Wiener Jugendhilfswerks, bei dem sie von 1922 bis 1931 in führender Funktion tätig war.

Nach dem Ersten Weltkrieg, dem Zerfall der Monarchie und der Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts war sie eine der ersten Frauen, die als Abgeordnete zum Nationalrat in das österreichische Parlament gewählt wurden und gehörte dem Nationalrat von 1919 bis 1934 an.

Nach den Februarkämpfen 1934, dem Verbot der Gewerkschaften, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und ihrer Organisationen durch die Austrofaschisten‚ wurde Amalie Seidel 1934 verhaftet und verbrachte mehr als einen Monat im Gefängnis. Trotzdem stellte sie danach in der Zeit des Austrofaschismus ihre Wohnung für wöchentliche Treffen sozialdemokratischer AktivistInnen zur Verfügung.

Nachdem ihre erste Ehe geschieden worden war, heiratete sie 1934 sie ihren langjährigen jüdischen Freund, den Kommunalpolitiker Sigmund Rausnitz, um ihn durch diese Ehe zu schützen. Während des Zweiten Weltkrieges starben ihr Mann und ihr Sohn. Ihre beiden Töchter mussten in die Emigration gehen.

Sie selbst blieb in Wien, wurde in der NS-Zeit überwacht, nach dem Attentat auf Hitler 1944 verhaftet und für rund zwei Wochen im Landesgericht Wien inhaftiert. Die Belastungen durch die Verfolgung, der Verlust von Familienmitgliedern und ParteifreundInnen und der Krieg hinterließen tiefgreifende Spuren in ihrem Leben. In der Nachkriegszeit hat sie keine politischen Positionen mehr bekleidet. Amalie Seidel lebte bis zu ihrem Tod 1952 in Wien.

Link: Podcast: Wer war Amalie Seidl? (27:47 min) https://www.parlament.gv.at/aktuelles/mediathek/podcasts/parlament-erklaert-folge-42/

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