Der Fall Freud
Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung
An einer der berühmtesten Wiener Adressen, Berggasse 19 im 9. Wiener Gemeindebezirk, befindet sich das Sigmund Freud Museum.Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat hier mit seiner Familie 47 Jahre gelebt, in den angrenzenden Ordinationsräumen die Psychoanalyse entwickelt und seine Patienten empfangen.
In den ehemaligen Wohn- und Ordinationsräumen befindet sich das Museum, in dem Leben und Werk von Sigmund und seiner Tochter, Anna Freud, ebenfalls Psychoanalytikerin und Pionierin der Kinderanalyse, präsentiert werden.

Die aktuelle Sonderausstellung und die dazu erschienene Publikation zeigen auf der Grundlage von Originaldokumenten und neuen Rechercheergebnissen die Vertreibung und Beraubung der Familien von Sigmund Freud und seinem Bruder Alexander und die Lebenssituation der vier Schwestern bis zu ihrer Ermordung im Jahr 1942 durch die Nationalsozialisten.
Sigmund Freud hatte durch die Entwicklung der Psychoanalyse die Wahrnehmung der Welt nachhaltig verändert, die existenzielle Bedrohung durch die Nationalsozialisten als Jude und Psychoanalytiker trotz der im Zuge der Bücherverbrennungen im Jahr 1933 erfolgten Verbrennung seiner Bücher jedoch völlig falsch eingeschätzt. 1938, zu diesem Zeitpunkt schon schwer an Krebs erkrankt, wurde er nach dem „Anschluss“ von den Nationalsozialisten enteignet und verfolgt.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich und der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich am 13. März 1938 wurde bereits am 14. März 1938 durch die Nationalsozialisten durch das Gesetz über die Überleitung und Eingliederung von Vereinen, Organisationen und Verbänden die Möglichkeit für die „Gleichschaltung“ bzw. Auflösung von Vereinen geschaffen.
Einen weiteren Tag später, am 15. März, fanden Razzien der SA (Sturmabteilung, paramilitärische Kampforganisation der NSDAP) in der Berggasse 19 und im Internationalen Psychoanalytischen Verlag, der Eigentum von Sigmund und Anna Freud war, statt. Einige Tage später, am 22. März, erfolgte eine neuerliche Razzia in der Berggasse 19 durch die Gestapo (Geheime Staatspolizei), in deren Folge Anna Freud verhaftet und verhört wurde – sie kam, wahrscheinlich durch eine Intervention der amerikanischen Botschaft, jedoch wieder frei.
Durch die Einsetzung eines kommissarischen Verwalters durch die NSDAP begann umgehend die Auslöschung der psychoanalytischen Institutionen und die Arisierung der Praxis, des Verlags und des Vermögens.
Es war das große internationale Ansehen Sigmund Freuds als Begründer der Psychoanalyse und der Einsatz von Marie Bonaparte und Ernest Jones die Freud, seiner Frau und seiner Tochter Anna letztlich das Leben retten sollte. Kurz nach dem Anschluss kamen die Psychoanalytiker:innen Marie Bonaparte und Ernest Jones nach Wien, um die Familie durch ihren politischen und finanziellen Einfluss zu schützen. Obwohl durch die Bemühungen von Ernest Jones Großbritannien bereits Ende März eine Aufenthaltsgenehmigung erteilt hatte, verweigerten die Nationalsozialisten die Ausreiseerlaubnis so lange, bis das Vermögen vollständig enteignet worden war.
Während im Hintergrund von der Familie durch zahlreiche zermürbende Behördenwege eine Vielzahl an bürokratische Hürden zur Erlangung der Ausreiseerlaubnis überwunden werden musste und fast die gesamten Geldmittel der Familie geraubt wurden, wurde zur Vermeidung von negativer Berichterstattung und diplomatischer Komplikationen Freud gestattet, die Einrichtung samt Antikensammlung nach London mitzunehmen. Dies wurde von den Nationalsozialisten in der Berichterstattung dafür verwendet, die wahren Umstände seiner Emigration zu verschleiern und diese als vergleichsweise privilegiert darzustellen.
In einem Interview mit der New York Times sagte Sigmund Freud dazu: „Sie ließen mich ein paar Dinge aus Österreich mitnehmen – gerade genug, um damit arbeiten zu können…Alles andere – mein gesamtes Geld und mein gesamter Besitz in Wien – ist weg.“ (zit. nach New York Times, 6. Juni 1938)

Am 4. Juni 1938 konnten Sigmund Freud, seine Ehefrau Martha und Tochter Anna Österreich verlassen und über Paris nach London reisen. Sigmund Freud ist am 23. September 1939 in London gestorben.
Die Ausstellung ist noch bis 9. November 2026 zu sehen!
Adresse: Sigmund Freud Museum, Berggasse 19, 1090 Wien
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag und Feiertag: 10:00-18:00 Uhr. Dienstag geschlossen!
Publikation zur Ausstellung: Der Fall Freud. Dokumente des Unrechts. Hg. Daniela Finzi, Monika Pessler. Sigmund Freud GmbH, Wien 2025
