Erna Rosenstein
Jenseits der Stille
Erna Rosenstein (1913-2004), einer der bedeutendsten VertreterInnen der polnischen Kunst des 20. Jahrhunderts, ist im Unteren Belvedere erstmals in Österreich eine umfassende Retrospektive gewidmet.

Gezeigt werden in der Ausstellung Werke der Künstlerin aus den Jahren 1946 bis 1996. Erhalten geblieben sind nur jene Werke von Erna Rosenstein, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind; die frühen Arbeiten aus ihrer Studienzeit und vor dem Krieg sind durch Krieg und Verfolgung verloren gegangen oder wurden vernichtet.
Durch die Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen werden ihr eigenständiges Schaffen, ihre stetige künstlerische Entwicklung und die in ihrem Werk wiederkehrenden Themen der Verarbeitung von Krieg und Verfolgung in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar.
Erna Rosenstein wurde 1913 in Lemberg (heute Lwiw, Ukraine) geboren und ging nach der Übersiedlung der Eltern nach Krakau dort zu Schule. Bereits in diesen Jahren beginnt ihre politische Aktivität bei einer kommunistischen Jugendorganisation.
Ab 1932 bis 1934 studierte sie in Wien an der Wiener Frauenakademie. Auch in Wien war sie in einer kommunistischen Jugendorganisation aktiv und hat die Februarkämpfe im Jahr 1934 hier miterlebt. Nach ihrer Rückkehr nach Polen erhielt sie ihre weitere Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Krakau. Zu dieser Zeit war sie auch Mitglied der I. Krakauer Gruppe, einem studentischen Künstlerkollektiv, das für moderne, gesellschaftskritisch engagierte Kunst eintrat.
Während des Zweiten Weltkriegs, nach der Besetzung von Lemberg durch die Nationalsozialisten, wurden sie und ihre Familie wie Millionen andere Menschen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Im Jahr 1942 wurden ihre Eltern, Anna und Maksymilian Rosenstein, auf der Flucht aus dem Ghetto durch einen vermeintlichen Helfer ermordet. Erna, der verletzt die Flucht gelang, konnte untertauchen und schaffte es, unter verschiedenen Decknamen und an wechselnden Orten zu überleben.
Nach dem Ende des Krieges kehrte sie nach Krakau zurück, trat 1945 der Polnischen Arbeiterpartei bei und nahm auch ihre künstlerische Arbeit wieder auf. Die Verarbeitung der Ermordung ihrer Eltern, von Krieg und Verfolgung, von kollektiven Gewalterfahrungen und Fragen der Mittäterschaft im besetzten Polen wurden zu zentralen Themen ihres Werks.

In der kurzen Zeit kulturpolitischer Offenheit in Polen bis 1948 reiste sie 1947/48 in die Schweiz, nach England und Frankreich. In Paris besuchte sie die Surrealismusausstellung, die ihre Kunst nachhaltig beeinflusste. Ihre Werke aus dieser Zeit gelten als seltenes Beispiel surrealistischer Kunst im sozialistischen Polen. 1948 nahm sie an der Ersten Ausstellung moderner Kunst im Kunstpalast in Krakau teil.
In Paris traf sie auch ihren späteren Ehemann, den Literaturkritiker Artur Sandauer. Der gemeinsame Sohn Adam kam 1950 zur Welt.
Als nach 1948 der „Sozialistische Realismus“ als verbindliche Vorgabe des Staates für den Kunstbetrieb eingeführt wurde, blieb Erna Rosenstein bei ihrem eigenen, vom Surrealismus und subjektiven Erfahrungen geprägten Stil. Ihre Ablehnung der staatlich vorgeschriebenen künstlerischen Norm führte dazu, dass sie in den Folgejahren staatlicher Unterdrückung, Benachteiligung und Verfolgung ausgesetzt war.
Trotzdem war sie 1957 Gründungsmitglied der II. Krakauer Gruppe und nahm an wichtigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst Polens sowohl im In- als auch im Ausland teil.

Ende der 1950er-Jahre bis in die 1970er-Jahre dominierten in ihrem Schaffen organisch abstrakte Formen, die als intime Landschaften, die psychische Zustände spiegeln, gedeutet werden können, und grafische Kompositionen, die den Blick auf das verborgene unter der Haut richten.
Ab den 1960er-Jahren nehmen zunehmend auch Assemblagen – das sind dreidimensionale Kunstwerke, die aus zusammengefügten, bereits vorhandenen Gegenständen und Materialien bestehen – einen wichtigen Stellenwert in ihrem Werk ein. In ihrer Suche nach neuen Ausdrucksformen wendet sie sich in ihrem Spätwerk dann abstrakten Formen zu.

Ihr eigenständiges, beharrliches künstlerisches Schaffen hatte noch einen weiteren zentralen Aspekt. Sie war auch Lyrikerin. Erna Rosenstein hat dazu folgendes gesagt: „Ich schreibe, weil bestimmte Dinge auf andere Weise nicht ausdrückbar sind, man kann sie nur durch Worte vermitteln.“
Dazu ein Teil eines Gedichts von Erna Rosenstein, das in der Ausstellung wiedergegeben wird:
„Was tun?
Ich will euch nicht auf die Leinwand bannen,
Ich sperre euch nicht in Worte ein.
Denn alles verändert sich ohnehin.
Immer verfliegen bestehen vergehen
Wind Himmel ich und die Erde
Tod Leben Lachen und nichts.“
Erna Rosenstein

Die Ausstellung ist noch bis 10. Jänner 2027 zu sehen!
Adresse: Unteres Belvedere, Rennweg 6, 1030 Wien
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10:00 bis 18:00 Uhr
Katalog: Erna Rosenstein. Jenseits der Stille. Hg. Stella Rollig, Stephanie Auer. Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln 2026