Gabriele Tergit
Journalistin und Autorin
Die Spuren dieses Artikels führen zu einer bemerkenswerten Frau: Gabriele Tergit (1894-1982).
Als Elise Hirschmann 1894 in Berlin geboren, wuchs sie in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus auf und absolvierte die Soziale Frauenschule von Alice Salomon in Berlin. Ihr Abitur holte sie nach dem Ersten Weltkrieg nach und begann anschließend mit dem Studium der Geschichte, Philosophie und Soziologie in München, Heidelberg und Berlin, das sie 1925 in Frankfurt am Main mit der Promotion zum Doktor der Philosophie abschloss.

Bereits früh, schon im Jahr 1915, hatte sie ihren ersten Artikel für eine Beilage des Berliner Tagblatts zum Thema „Frauendienstjahr und Berufsbildung“ über sie Situation von Frauen im Krieg geschrieben und gegen den Willen ihrer Familie beschlossen, Journalistin zu werden. Schon während ihres Studiums arbeitete sie als Reporterin und schrieb Feuilletons, Reportagen und Porträts für verschiedene Zeitungen.
Damals war sie eine der ersten weiblichen Gerichtsreporterinnen, die aus dem Kriminalgericht Berlin-Moabit und als erste Frau über Frauen vor Gericht berichtete. Mit ihrem kritischen Blick auf gesellschaftliche Missstände und darauf, wie soziale Verhältnisse Menschen prägen und benachteiligen sowie ihrer Aufmerksamkeit für die Probleme und Benachteiligungen von Menschen hat sie wesentlich dazu beigetragen, die Gerichtsberichterstattung als eigenständige journalistische Form zu begründen.
Zu dieser Zeit legte sie sich ihr Pseudonym Gabriele Tergit zu, wobei sie für die Berichterstattung für ihre kritischen Artikel in der antifaschistischen Zeitschrift Weltbühne auch den Namen Christian Thomasius, den Namen eines Philosophen der frühen Aufklärung, verwendete.
Im Jahr 1928 heiratete sie den Architekten Heinrich Reifenberg und hatte mit ihm einen Sohn, Ernst Robert.
Bereits seit 1924 arbeitete sie in der Lokalredaktion des Berliner Tagblatts als „Pauschalistin”, als regelmäßig beschäftigte freie Journalistin, und sollte bis 1933 bei dieser Zeitung bleiben, auch wenn sie weiterhin als freie Journalisten auch für die Zeitschrift Weltbühne schrieb. Neben den Gerichtsreprotagen schrieb sie Feuilletons über „Berliner Existenzen und Moden“. Das Berliner Tagblatt erschien damals unter der Woche in einer Auflage von 160.000 Exemplaren und am Sonntag mit einer Auflage von 300.000 Stück, wodurch Tergit große Bekanntheit erlangte.
Berühmtheit jedoch erlangte sie mit ihrem ersten Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“, der 1931 im Rowohlt-Verlag erschien und mit dem sie sich neben Erich Kästner, Hans Fallada, Irmgard Keun und Vicki Baum als eine der AutorInnen der Neuen Sachlichkeit etablierte.
Der Roman ist eine zeitkritische Satire auf die Gesellschaft und die Medien im Berlin um das Jahr 1929, in dem der Volkssänger Käsebier zum Star aufgebaut und, als die Begeisterung für die Neuentdeckung vorbei ist, ebenso schnell wieder fallengelassen wird.
Wie für viele andere, bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 auch für Gabriele Tergit und ihre Familie einen tiefgreifenden Einschnitt. Als kritische Journalistin und Jüdin wurde sie bereits im März 1933 durch einen Überfall auf ihre Wohnung durch die SA, dem sie nur knapp entronnen ist, bedroht und musste Deutschland sofort verlassen. Der Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ wurde von den Nationalsozialisten verboten.
Zuerst führte sie Ihre Flucht in die Tschechoslowakei, ins Riesengebirge, danach nach Prag, wohin im Sommer auch ihr Mann und ihr Sohn, die zunächst noch in Berlin geblieben waren, nachgekommen waren. Im Herbst fuhr ihr Mann nach Palästina, wohin sie ihm im November 1933 folgte.
Während es für ihren Mann als Architekten in Palästina gute Möglichkeiten gab, konnte sie kaum etwas veröffentlichen und hatte, bedingt durch das Klima, auch mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihre teils unveröffentlichten Reportagen aus den Jahren 1933 bis 1938 wurden erst 1996 unter dem Titel „Schnellzug nach Haifa“ veröffentlicht.
Bedingt durch Krankheiten, der schwierigen Lebenssituation, aber auch aufgrund der unsicheren politischen Situation im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina entschloss sich die Familie 1938 zur Rückkehr nach Europa und übersiedelte nach London. Von dort aus konnten sie noch ihre Eltern, die Mutter, die Schwester und den Schwager ihres Mannes aus Deutschland heraus in Sicherheit bringen.
Gabriele Tergit verbrachte die Kriegszeit in London und wurde 1948 britische Staatsbürgerin. Nach Deutschland ist sie zwar nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder zurückgekehrt, allerdings konnte sie dort weder als Journalistin noch als Autorin wieder Fuß fassen. Ihre Eindrücke über das Nachkriegsdeutschland hat sie in dem Romanfragment „Der erste Zug nach Berlin“ niedergeschrieben.
Bereits in Berlin hatte sie noch vor ihrer Flucht mit einem neuen Roman „Effingers“ begonnen, den sie 1938 größtenteils fertiggestellt hatte. Dieser Roman erzählt die Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie von 1878 bis 1948. Dieser konnte 1951 in Deutschland zwar erscheinen, fand damals aber wenig Beachtung. Erst bei der Wiederauflage 2019 fand das Buch den verdienten Zuspruch und wurde mit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann verglichen.
Anfang der 1960er-Jahre stellte sie das Manuskript ihres dritten und letzten Romans „So war’s eben” fertig. Darin erzählt sie vom jüdischen Bildungsbürgertum in Berlin, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zu seiner Zerstörung in der NS-Zeit. Da sie für diesen detailreichen Zeitroman jedoch keinen Verlag fand, konnte er erst 2021 aus dem Nachlass bei Schöffling erscheinen.
Gabriele Tergit wirkte von 1957 bis 1981 ehrenamtlich als Sekretärin des PEN-Zentrums (Vereinigung von SchriftstellerInnen) deutschsprachiger Autoren im Ausland mit Sitz in London und veröffentlichte drei Bände mit Autobiografien und Biografien der Mitglieder des PEN im Ausland. Weiters verfasste sie Werke zu kulturgeschichtlichen Themen. Erst spät, im Jahr 1977, wurde sie auch in Deutschland „wiederentdeckt“.
Gabriele Tergit ist 1982 in London gestorben. Die von ihr verfasste Autobiografie mit dem Titel „Etwas seltenes überhaupt“ erschien posthum 1983.
Nicole Henneberg hat 2024 die erste umfassende Biografie unter dem Titel „Gabriele Tergit. Zur Freundschaft begabt” im Schöffling-Verlag veröffentlicht und durch ihre Arbeit als Herausgeberin der Werke von Gabriele Tergit im Schöffling-Verlag maßgeblich dazu beigetragen, dass diese bedeutende Autorin einen festen Platz in der Literaturgeschichte hat.
Links:
Gabriele Tergit Gesellschaft: https://gabriele-tergit.de/
Schöffling-Verlag: https://www.schoeffling.de/