SEEDS
Wurzeln bewahren, Zukunft säen -Samen und Saatgut als Spiegel unseres Verhältnisses zur Erde und zueinander
Mit der Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ hat das Kunsthaus Wien in inhaltlicher Kooperation mit dem Verein Arche Noah und dem Botanischen Garten der Universität Wien ein hochaktuelles Thema aufgegriffen.
Mit der zunehmenden Industrialisierung der Landwirtschaft und dem steigenden Einfluss der Großkonzerne hat in den letzten Jahrzehnten ein Prozess eingesetzt, der kleine und mittlere Landwirtschaftsbetriebe in Abhängigkeit im Hinblick auf Saatgut, Dünger und Pestizide gebracht hat.
Damit einher ging ein Zurückdrängen von sog. „alten“ Sorten in den jeweiligen Regionen, die zur Sicherung der Ernährung einen wesentlichen Beitrag leisten. Lt. Welternährungsorganisation sind im 20. Jahrhundert bei Kulturpflanzen drei Viertel der genetischen Vielfalt verloren gegangen! Heute basiert unsere gesamte Nahrung auf nur rund 30 Pflanzenarten.
Die Sammlung und Erhaltung alter Sorten an Kulturpflanzen erfolgt durch private Vereine wie die Arche Noah in Österreich, der 1989 gegründet wurde, heute einer der größten privaten Vereine dieser Art ist und das größte Saatgutarchiv Europas aufgebaut hat. Die Samen von Wildpflanzen werden an der Universität für Bodenkultur/Botanischer Garten Wien gesammelt.

Das Thema hat auch deswegen besondere Aktualität, da im Juni 2026 das Europäische Parlament – überwiegend mit den Stimmen der Europäische Volkspartei und der rechten Parteien – die Verordnung über neue Genomische Techniken beschlossen hat. Konkret bedeutet das, dass genetisch verändertes Saatgut immer patentiert sein wird, was eine Privatisierung des Saatguts und die Kontrolle darüber durch Großkonzerne bedeutet.
Für genetisch verändertes Saatgut werden nun zwei Kategorien vorgesehen, wobei in jenen Fällen, in denen eine begrenzte Anzahl und Art von Veränderungen gemacht werden, keine Risikoprüfung zu dessen Auswirkungen auf Umwelt und Menschen mehr vorgesehen ist und ab 2028 nur mehr das genetisch veränderte Saatgut einer Kennzeichnungspflicht unterliegt, die Auszeichnung für Produkte im Lebensmittelhandel jedoch wegfallen wird.
Mit anderen Worten: Saatgut ist ein politisches, gesellschaftliches, wirtschaftliches und ökologisches Thema, das uns alle betrifft und von KünstlerInnen weltweit aufgegriffen und in sehr eindrucksvolle Werke umgesetzt wurde.

Ausgehend davon, dass Samen die Grundlage unseres Lebens bilden und uns mit Nahrung und Rohstoffen versorgen, Träger biologischer Vielfalt sind, regionales Wissen über sie und ihre Verarbeitung und damit kulturelles Erbe bewahren sowie gleichzeitig Symbol sind für Hoffnung, Wandel und Erneuerung sind, geht die Gruppenausstellung den vielschichtigen Bedeutungen von Samen und Saatgut nach.
Mit dem Samenkorn als zentralem Motiv haben vierzehn internationale KünstlerInnen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Kulturen sehr ausdrucksstarke Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videoarbeiten geschaffen. Dabei interpretieren sie diese Thematik aus ökologischer, kulturhistorischer oder symbolischer Perspektive und verbinden in ihrer Kunst Umweltthemen und aktivistisches Engagement.
Thematisiert wird in diesem Zusammenhang unser Verhältnis zur Erde und zueinander. Die vielfältigen Zugänge reichen von Agrarwirtschaft und Ernährungssouveränität, Migration und Kolonialismus, über die Bedeutung indigenen Wissens und der Biodiversität, bis hin zu Widerstand, Selbstermächtigung, gemeinsamem, solidarischen Handeln und einer Zukunft, in der Schäden an der Umwelt nicht nur vermieden oder begrenzt werden, sondern ein aktiver Beitrag zur Erneuerung und Erholung von Natur, Gesellschaft und Wirtschaft geleistet wird.
Zur Konkretisierung möchte einige Beispiele dafür, wie vielfältig und spannend die Umsetzung dieser Themen durch die KünstlerInnen erfolgte, anführen.
Kapwani Kiwanga hat in den von ihr gestalteten Wandteppich keramische Repliken von afrikanischem Reis eingenäht um an die Überlieferung zu erinnern, dass im Zuge des Sklavenhandels geraubte WestafrikanerInnen zur Sicherung ihres Überlebens Reiskörner in ihrem Haar versteckten.
Cecilia Vicuña verweist mit ihrem Film Seed Song auf präkolumbianisches Wissen und den drohenden Verlust der Artenvielfalt in Chile durch den Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut.
Maria Thereza Alves befasst sich in „Seeds of Change: Antwerp“ mit den Verbrechen während Kolonialisierung des Kongo und dem Sklavenhandel und damit im Zusammenhang mit sog. „Ballastflora“. Ballastflora sind Pflanzen, die gemeinsam mit der Erde, Sand und Steinen, die von Handelsschiffen als Ballast zum Gewichtsausgleich der Fracht und Stabilisierung der Schiffe geladen wurden, oft um die halbe Welt reisten und nach der Entladung der Erde am Zielort, in diesem Fall Antwerpen, wuchsen.
Munem Wasif zeigt in seiner Arbeit „Song of Seasons – An Ecolocical Calendar“ anhand von textilen Schaubildern, wie sehr Menschen und ihre Umwelt an einem bestimmten Ort miteinander verbunden sind und welches Wissen und welche Fähigkeiten sie in ihrem Umfeld erwerben und tradieren.
Alexandra Baumgartner beschäftigt sich in ihrem Werk „How like a leaf I am“ mit autonomen Community Seed Banks, lokalen Samenbibliotheken und bäuerlichen Saatgutnetzwerken. Michaela Putz vermittelt mit „Postfactural Seeds“ die Bedeutung von Samen als Speicher von Vergangenheit und Zukunft, in dem sie Fotografien aus dem Bildarchiv eines Artenschutzprojektes des Botanischen Gartens der Universität Wien mittels KI-gestützter 3D-Modellierung in virtuelle Modelle übersetzt.
Der Künstler True Greenfort zeigt mit der Installation „Monoculture“, seiner Auseinandersetzung mit industrialisierter Landwirtschaft und dem Verlust von Artenvielfalt, die fünf in Österreich am häufigsten angebauten Nutzpflanzen und dazu – auf der Grundlage der österreichischen Roten Liste gefährdeter Arten – Bilder von bedrohten oder bereits verschwundenen Pflanzen.

Es ist eine Ausstellung, die zum Nachdenken einlädt. Die BesucherInnen dieser Ausstellung sollten sich Zeit nehmen, um sich auf die einzelnen Kunstwerke, die sehr spannenden Herangehensweisen der KünstlerInnen, ihre Inhalte und ihren kulturellen Hintergrund einzulassen und sich damit auseinanderzusetzen.
Die Ausstellung ist noch bis 14. Februar 2027 zu sehen!
Adresse: Kunst Haus Wien, Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien https://www.kunsthauswien.com/besuch
Öffnungszeiten: Täglich 10:00 bis 18:00 Uhr
Links:
Future Talk: Climate X Change – Saatgut, Wissen, Widerstand (67 min) https://www.youtube.com/watch?v=-SBE5_5IrhQ
EU-Verordnung: Verordnung (EU) 2026/1388 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2026 über mit bestimmten neuen genomischen Techniken gewonnene Pflanzen und die aus ihnen gewonnenen Erzeugnisse sowie zur Änderung der Verordnung (EU) 2017/625 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX%3A32026R1388&qid=1783860944459
Homepage Arche Noah: https://www.arche-noah.at/
Botanischer Garten Wien: https://botanischergarten.univie.ac.at/
