Löwenzahn!
Mensch, Blume, Umwelt
Der Titel der Ausstellung „30 % Löwenzahn“ bezieht sich auf den Umstand, dass Menschen und Blumen zu rund 30% dasselbe genetische Material haben. Anhand von Blumen und ihrer Bedeutung für den Menschen werden aktuelle gesellschaftliche Fragen thematisiert.
Die Auswahl des Löwenzahns als Symbol erfolgte aus folgendem Grund: Der Löwenzahn „besitzt als botanisches Gewächs und kulturelles Symbol Schönheit, Stärke und stillen Mut. Als sonnengelb blühendes Heilkraut wie auch Unkraut ist er ausdauernd, passt sich radikal an und sprengt den härtesten Asphalt. In der Ausstellung wird der Löwenzahn zur Denkfigur, durch die man über die stärkende Kraft des Schönen, aber auch über Zerbrechlichkeit und Widerstand in einer zerfallenden Gegenwart reflektieren kann.“ (PA/Kunsthaus Graz)

Die Ausstellung verbindet mehr als 30 zeitgenössische künstlerische Positionen, die ihren Ausdruck in sehr unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten – Videos, Lichtskulpturen, Installationen, Objekten, Zeichnungen, Collagen und Fotografien – finden, mit kultur- und naturhistorischen Leihgaben aus den verschiedenen Sammlungen des Universalmuseums Joanneum.
Den Kuratorinnen der Ausstellung, Katrin Bucher Trantow und Andreja Hribernik, rücken dabei das Verhältnis von Mensch und Pflanze und die Verbindung von Natur und Kultur in den Mittelpunkt. Bei der großen Vielfalt an Themen geht es z.B. um ökologische Krisen, Nachwirkungen des Kolonialismus, wirtschaftliche Verflechtungen und globalen Handel, biologische Vielfalt, aber auch die Praxis des friedlichen Protestes mit Blumen und Auswirkungen digitaler Entwicklungen wie der Künstlichen Intelligenz.

Courtesy der Künstlerin
Nachstehend einige ausgewählte Beispiele aus der Ausstellung zur Veranschaulichung, wie sich die KünstlerInnen mit diesen aktuellen gesellschaftlichen Themen in ihren Werken auseinandersetzen.
Martha Rosler machte mit ihrem 1974 gedrehten Film „Flower Fields“, in dem sie bunte Blumenfelder entlang des Highway 5 an der US-Westküste zeigt, auf die prekären Arbeitsbedingungen der in der Blumenindustrie der Region Arbeitenden und die soziale Ungleichheit aufmerksam.
In ihrem Video„Ist eine Rose immer schön? Kenyan Roses for the Kingdom“ aus dem Jahr 2019 befasste sich Sonya Schönberger mit der Rose als kulturellem Symbol und Trägerin emotionaler, sozialer und historischer Bedeutungen und in der Folge mit ihrer Funktion als global und billig gehandelte Massenware. Im Zentrum stehen dabei die Schnittblumenindustrie in Kenia, dem drittgrößten Blumen-Exportland der Welt, koloniale Verflechtungen, die verheerenden ökologischen Folgen für die Umwelt und die schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der dort beschäftigten Menschen.

Joiri Minaya beschäftigte sich in den Fotocollagen „Divergences“, die 2020-2022 entstanden sind, mit den Nachwirkungen von Kolonialismus und der Faszination für fremde, “exotische” Kulturen, Länder oder Menschen und verweist damit auf umstrittene Konstruktionen von Weiblichkeit in Bezug auf nationale oder regionale Identität.
Jonas Mekas wieder zeigt im 2019 gedrehten Video „Requiem“ Naturbilder, die mit Aufnahmen von Krieg und Zerstörung des 20. Jahrhunderts unterbrochen werden und macht damit auf die zyklische Kraft der Natur, die fortwährend neues Leben hervorbringt, aufmerksam.
Claudia Larcher, die sichin ihrer künstlerischen Arbeit mit der gleichberechtigten Beziehung zwischen Mensch, Technik und Natur auseinandersetzt, gestaltete mit ihrer Serie „Still Life 3000“ digitale, mit KI generierte Blumenarrangements, die in der Tradition des klassischen Blumenstilllebens stehen, jedoch mit ökologischen, technischen und soziopolitischen Herausforderungen der Gegenwart verbunden werden.

Mit den kultur- und naturhistorischen Leihgaben aus den Sammlungen des Joanneums eröffnet die Ausstellung auch einen Blick auf die Vergangenheit. Aus der Sammlung Paläontologie ist unter dem Titel „Sedimentierte Zeit“ eine ca. 180 Millionen Jahre alte Seelilie zu sehen.
Aus der Kulturhistorischen Sammlung stammen eine Perlmutt-Einlegearbeit vonDirck van Rijswijk aus dem 17. Jahrhundert und ein ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammendes geschmiedetes Torgitter mit floralem Muster aus Mariapfarr in Salzburg sowie eineRokoko-Porzellanuhr mit Blumenmotiven aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert sind originalgetreue Reproduktionen der Herbarien, die die zentrale Figur der sozialistischen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts und begeisterte Botanikerin Rosa Luxemburg während ihrer Haft in den Jahren 1914–1918 angelegt hat.
Die Ausstellung „30 % Löwenzahn“ setzt sich für eine gemeinsame Erdverbundenheit ein, die sich auch als politischer Widerstand versteht. Duch die Vielfalt an Zugängen regt sie zu einer vertieften Beschäftigung mit diesem Thema an.
Die Ausstellung ist im Kunsthaus Graz bis 8. November 2026 zu sehen!
Adresse: Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz www.kunsthausgraz.at
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntagund Feiertag10:00 – 18:00 Uhr
Katalog: 30 % Löwenzahn. Kunsthaus Graz, 2026
