Atelier Bauhaus

Atelier Bauhaus

Multifunktionalität in Architektur und Design

Manchmal müssen hundert Jahre vergehen, bis außergewöhnliche Leistungen die ihnen in der Geschichte zukommende Würdigung erfahren. Mit der Ausstellung “Atelier Bauhaus, Wien” und dem umfangreichen Katalog ist es dem Wien Museum in Kooperation mit dem Bauhaus-Archiv Berlin gelungen, erstmals einen umfassenden Überblick über die Leistungen der Ateliergemeinschaft von Friedl Dicker und Franz Singer in den 1920er Jahren in Wien zu geben. Es ist das “Porträt einer verlorenen Avantgarde”, die in Wien in den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Innenausstellung, Möbeldesign zukunftsweisendes geleistet hat.

Dass diese Ateliergemeinschaft überhaupt gegründet werden konnte, hat eine längere Vorgeschichte, die beide von Wien über das Bauhaus und eine gemeinsame Arbeit in Berlin wieder zurück nach Wien führte.

Sowohl Friedl Dicker (1898-1944) als auch Franz Singer ( 1896-1954) wurden in Wien geboren. In Wien besuchte Friedl Dicker zuerst eine Bürgerschule für Mädchen, machte danach eine Ausbildung als Fotografin und Reproduktionstechnikerin an der graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, besuchte anschließend für ein Jahr die Textilklasse an der Wiener Kunstgewerbeschule und war von 1916 bis 1919 Schülerin an der privaten Kunstschule von Johannes Itten, wo sie Franz Singer kennengelernt hat.

Franz Singer besuchte die Volksschule des Schottenstifts in Wien und den Kinderkurs im Atelier der Malerin Emma Schlangenhausen. Den Besuch des Gymnasiums schloss er mit der Reifeprüfung in Brünn ab. Zu dieser Zeit war er Schüler des Radierers Ferdinand Gold, nach der Reifeprüfung Privatschüler des Malers Felix Albrecht Harta. In den Jahren 1915 bis 1917 war er im Kriegseinsatz. Ab Herbst 1917 besuchte er die Kunstschule von Johannes Itten, in der auch Friedl Dicker Schülerin war.

Die Itten-Schule in Wien war von der Idee der Reformpädagogik geprägt und verfolgte das Ziel, die subjektive künstlerische Kreativität zu fördern. Über Alma Mahler lernte er deren damaligen Ehemann, den Architekten Walter Gropius, kennen, der 1919 das Bauhaus mit dem Ziel der Verbindung von Kunst und Handwerk gründete und bis 1928 leitete. Dieser berief Itten 1919 an das neugegründete Staatliche Bauhaus Weimar, wo er den sog. Vorkurs, der alle Bereiche des künstlerischen Ausdrucks umfasste, leitete. Viele seiner Schüler:innen aus Wien folgten ihm ans Bauhaus, darunter auch Friedl Dicker und Franz Singer.

Tiere aus dem Phantasus-Baukasten, Bauhaus Weimar. entwickelt von Franz Singer und Franz Scala. Archiv Georg Schrom

Friedl Dicker besuchte am Bauhaus nach dem Vorkurs die Werkstätte für Weberei und die Bühnenwerkstatt, Johannes Singer die Tischlerei- und Bühnenwerkstatt. Ihre ersten gemeinsamen Arbeiten sind am Bauhaus entstandene Entwürfe für Wohnhäuser. Zeitgleich arbeiteten sie aber bereits während dieser Zeit für Theaterproduktionen.

Nach dem Abschluss ihres Studiums am Bauhaus gingen sie gemeinsam nach Berlin, wo sie die Werkstätten bildender Kunst aufbauten, in denen auch weitere AbsolventInnen des Bauhauses arbeiteten. In diesen Werkstätten wurden Bühnenbilder, Theaterkostüme , Textilien, Bucheinbände und Schmuck angefertigt. Sie arbeiteten in dieser Zeit auch für das Theaterensemble “Die Truppe” von Berthold Viertel. Da die Werkstätten jedoch kein finanzieller Erfolg waren, kehrten beide 1925 nach Wien zurück. Die Werkstätten in Berlin wurden 1926 aufgelöst.

Nach ihrer Rückkehr nach Wien mietete Friedl Dicker ein Atelier an, in dem sie Handtaschen anfertigte. Mit Franz Singer begann noch im selben Jahr eine erfolgreiche Arbeitsgemeinschaft, die sich auf den Entwurf von Möbeln und Bauten, die Einrichtungen von Häusern, Wohnungen, Geschäften und Kindergärten spezialisierte.

Beschäftigungsraum im Städtischen Montessori-Kindergarten im Goethehof, um 1931. Bauhaus-Archiv Berlin

Das Bild des Beschäftigungsraums im Städtischen Montessori-Kindergarten soll eines der Markenzeichen des Ateliers, den Einsatz der Axiometrie, vermitteln. Dabei handelt es sich um ein von der Arbeitsgemeinschaft weiterentwickeltes Verfahren zur grafischen Darstellung von Räumen, das es ermöglicht, zugleich den Grundriss eines Raumes und seine Möblierung zu zeigen.

Dadurch, dass die Designs des Ateliers eine klare, sachliche Formensprache hatten, die Interieurs geometrisch gegliedert waren und auf funktionale Flexibilität angelegt waren, nahmen diese Arbeiten im Wien der 1920er Jahre eine Ausnahmestellung ein. Im Gegensatz zur traditionellen Wiener Wohnkultur waren ihre Bauten und Einrichtungen Ausdruck des Lebensgefühls der Moderne der 1920er-Jahre. Raumökonomie und Nutzungsvielfalt der Räume, farbliche Gestaltung und die zum Einsatz kommenden Materialien spielten eine zentrale Rolle bei den Entwürfen von Inneneinrichtungen. Die Möbel waren oftmals klapp-, stapel- oder zusammenschiebbar, flexibel einsetzbar und platzsparend. Dies zeigt sich bei Wohnungseinrichtungen genauso wie beim Montessori-Kindergarten.

In der Arbeit im Atelier war die Aufgabe von Franz Singer der Bereich der Tischlerarbeiten, während Friedl Dicker für den Textilbereich zuständig war und Farb- und Materialentwürfe für Vorhänge, Möbelbezüge, Wandteppiche, Tagesdecken anfertigte. MitarbeiterInnen, die an der technischen Hochschule studiert hatten, brachten die notwendigen Kenntnisse aus dem Bereich Architektur ein: Hans Biel, Bruno Pollak, Leopoldine Schrom und Anna Szabó. Ein wichtiger Teil der Arbeit war die fotografische Dokumentation und der Bau von Modellen zur Vorführung der Entwürfe. Durch die Präsentation bei Ausstellungen und Veröffentlichung in Zeitschriften konnten sie mit ihren Arbeiten auch international Bekanntheit erlangen.

Da die von Franz Singer und Friedl Dicker entworfenen Wohnräume nicht mehr erhalten und von den Wohnungseinrichtungen nur mehr Einzelstücke vorhanden sind, sind in der Ausstellung neben frühen Arbeiten am Bauhaus, die die Beschäftigung mit Farben und Formen zeigen, aus der Zeit des Wiener Arbeitsgemeinschaft vor allem Zeichnungen, Modelle und Fotografien sowie einzelne Möbelstücke erhalten, die in der Ausstellung gezeigt werden können.

Tennisclubhaus Heller, 1928. (FOTO: Pfitzner-Haus). Bauhaus-Archiv Berlin

Die Arbeitsgemeinschaft ging bereits 1931 mit dem Ausscheiden von Friedl Dicker zu Ende. Franz Singer emigrierte 1934 nach London. Das Atelier wurde vorerst von seiner Mitarbeiterin, Leopoldine Schrom, weitergeführt und 1938 aufgelöst.

Friedl Dicker war noch bis 1933 in Wien, emigrierte dann in die Tschechoslowakei. In Prag erteilte sie Kindern Malunterricht und arbeitete als Innenarchitektin. Nach ihrer Heirat mit Pavel Brandeis nimmt sie die tschechische Staatsbürgerschaft an. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren werden sie als Juden von den Nationalsozialisten verfolgt, verlieren ihre Arbeit und werden 1942 in das Lager Theresienstadt deportiert. Dort erteilt sie Kindern Malunterricht und gilt heute als eine der Begründerinnen der Kunsttherapie. 1944 wird sie nach Ausschwitz deportiert und dort am 9. November 1944 ermordet. Mehr Informationen zu Friedl Dicker finden Sie unter: https://www.diespurensucherin.at/friedl-dicker/

Franz Singer konnte 1934 zu seiner Frau Emmy Heim nach London emigrieren. Dort arbeitete er für große Warenhäuser und konnte den Krieg überleben und starb 1954 in Berlin.

Obwohl Friedl Dicker und Franz Singer mit ihren Arbeiten die Designgeschichte der Moderne der Zwischenkriegszeit in Wien zwischen 1925 und 1933 wesentlich mitgeprägt haben, gerieten ihre Arbeiten danach in Vergessenheit und werden erst jetzt wieder erforscht und mit dieser Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Wien Museum MUSA. Ausstellung Atelier Bauhaus, Wien. Foto: Elisabeth Kolbry

Die Ausstellung ist bis 26. März 2023 im Wien Museum MUSA zu sehen!

Adresse: Wien Museum MUSA, Felderstraße 6-8, 1010 Wien https://www.wienmuseum.at/

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und Feiertag: 10:00-18:00 Uhr; Sonderöffnungszeiten: 13.12.: 11:15 -18:00 Uhr; 24.12 und 31.12.: 10:00-14:00 Uhr; 1.1.2023:geschlossen

Katalog zur Ausstellung: Katharina Hövelmann, Andreas Nierhaus, Georg Schrom (Hg.), Atelier Bauhaus, Wien. Friedl Dicker und Franz Singer. Müry Salzmann Verlag, 2022

Wien Museum MUSA, Atelier Bauhaus Wien. Fiedl Dicker und Franz Singer, Ausstellungsansicht, 2022. Foto: timtom
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