Fotografie und Tanz

Fotografie und Tanz

Technik, Kunst und Starkult

Die Fotosammlung der Albertina in Wien mit rund 100 000 Werken ist die Größte ihrer Art in Österreich. Sie deckt den Zeitraum von den ersten Experimenten im 19. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Arbeiten in den Bereichen Porträts, Architekturaufnahmen, Landschaftsbilder und Street Photography ab.

Die derzeit laufende Ausstellung „Tanzbilder“ ist der Geschichte der Tanzfotografie gewidmet. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie die Entwicklung der Fotografie, des Tanzes um 1900 vom klassischen Ballett zum Ausdruckstanz und die Entstehung des Starkults miteinander in Verbindung stehen.

Begonnen hat es kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich einige Ateliers auf die Anfertigung von Fotografien prominenter Persönlichkeiten aus Ballett und Theater spezialisierten. Diese Fotografien wurden zuerst als Visitenkarten, ab den 1870er- Jahren in einem größeren Format hergestellt, die von den KünstlerInnen verteilt wurden und bei den „Fans“ so beliebt waren, dass sie gesammelt wurden. Damit waren auch die Grundlagen des Starkults geschaffen worden.

Carl und Rudolf Mahlknecht
Tänzerin im Atelier, ca. 1873
Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt

Waren es zuerst klassische Porträts, die aufgrund der langen Belichtungszeit in den Ateliers entstanden, ermöglichten in der Folge die Weiterentwicklung der Technik durch die Verkürzung der Belichtungszeit, modernere Apparate und die Verbesserung der Empfindlichkeit des Aufnahmematerials bereits um 1900 das Abbilden von Bewegungsmomenten.

Dies war insofern von Bedeutung, da zu dieser Zeit auch der Tanz eine völlig neue Richtung eingeschlagen hat. Angeregt durch die Auftritte der amerikanischen Tänzerinnen Loie Fuller und Isodora Duncan und deren jeweils besonderen individuellen Tanzstilen begann eine Entwicklung weg vom klassischen Ballett hin zum Ausdruckstanz. Wobei Wien zu jenen Städten gehörte, in der dieser bei Tänzerinnen und Publikum besondere Beachtung fand. In Österreich waren es besonders die Schwestern Wiesenthal, die den Ausdruckstanz propagierten.

Rudolf Jobst, Berta, Elsa und Grete Wiesenthal im Lanner-Schubert-Walzer, 1908. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft

Fotografie und Tanz waren Teil der Reformbewegung um 1900, standen in enger Beziehung zum Jugendstil und den Künstlern der Secession. Dadurch, dass die Technik einfacher und das Material kostengünstiger wurde, nutzten bereits Ende des 19. Jahrhunderts KünstlerInnen die Fotografie als praktisches Arbeitsmittel, indem sie Fotografien als Studienmaterial für ihre eigene Arbeit anfertigten.

Ihren Höhepunkt erreichte die Entwicklung des Ausdruckstanzes sowie die Erprobung neuer Umsetzungsmöglichkeiten in der Fotografie in der Zwischenkriegszeit, was sich sowohl in der künstlerischen Fotografie als auch durch die in verschiedenen Gesellschaftsmagazinen veröffentlichten Bilder nachvollziehen lässt.

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Ausdruckstanz bis auf ganz wenige Ausnahmen von Tänzerinnen entwickelt und auf die Bühne gebracht wurde. Gleichzeitig machten in Wien viele Frauen nach einer entsprechenden Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, die ab 1908 auch für Frauen geöffnet war, die Fotografie zu ihrem Beruf.

Charlotte Rudolph, Mary Wigman in „Raumgestalt“ aus dem Zyklus „Visionen“, 1928. Albertina, Wien © Bildrecht, Wien 2026

Kleine und leichte Spiegelreflexkameras und lichtstarkes Filmmaterial ermöglichten PressefotografInnen nunmehr Aufnahmen von Auftritten. Gleichzeitig wurden Fotografien verstärkt als Druckvorlagen für Reklametafeln verwendet, vor allem für die Ankündigung von zu dieser Zeit sehr beliebten Revuen.

Einen besonderen Hinweis verdient der in der Ausstellung präsentierte Bildband „Der künstlerische Tanz unserer Zeit“. Anhand der für dieses 1928 erschienene Buch angefertigten Fotos wird gezeigt, wie sehr Bilder auch damals schon retuschiert wurden, wie z.B. durch die Entfernung von Schatten, Hintergründen oder Böden.

Wie in vielen anderen Bereichen war die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland und 1938 in Österreich auch für Fotografie und Ausdruckstanz ein grundlegender Einschnitt und Wendepunkt, da viele der FotografInnen und TänzerInnen verfolgt wurden, fliehen mussten oder von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Nur wenigen gelang es, im Ausland ihre berufliche Tätigkeit fortzusetzen.

Die Ausstellung ist noch bis 7. Juni 2026 in der Albertina Modern zu sehen!

Adresse: Albertina Modern, Karlsplatz 5, 1010 Wien

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10:00-18:00 Uhr

Katalog: Tanzbild. Fotografien aus der Sammlung Albertina. Hg. Astrid Mahler. Eigenverlag Albertina, Wien 2026

Buchtipp: Amelie Soyka (Hg), Tanzen und tanzen und nichts als tanzen. Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman. AvivA Verlag, Berlin 2025

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