Designerinnen

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Frauen im Design 1900 bis heute

Mit der Ausstellung “Here we are! Frauen im Design 1900 – heute” des Vitra Design Museums, die derzeit im Möbelmuseum Wien zu sehen ist, werden die wesentlichen Beiträge von Designerinnen zur Gestaltung von Möbeln, Mode und Industrieprodukten und ihr bisher in vielen Fällen zu wenig beachteter Beitrag zur Entwicklung des modernen Designs vorgestellt.

Design bestimmt unseren Alltag mit, wir sind von Dingen umgeben, die wir nutzen, vom Geschirr und Besteck angefangen, über die Muster von Stoffen und Teppichen und das Aussehen der Möbel bis hin zur Beleuchtung. Unter Design wird die Form- und Farbgestaltung von Objekten verstanden, die Beschäftigung mit ihrer Funktion, den Anforderungen an das Objekt, dessen Anwendbarkeit für den vorgesehenen Zweck, den Materialien dafür, aber auch mit den Kosten für die Herstellung und den Fertigungsmethoden.

Die von den Kuratorinnen Viviane Stappmanns, Susanne Graner und Nina Sternmüller aufbauend auf umfangreichen Recherchearbeiten hervorragend aufbereitete, vorbildlich gestaltete und mit ausgezeichneten Saaltexten versehene Ausstellung gibt einen Überblick über die Entwicklung des Designs vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute. Ein wesentlicher Aspekt dieser Ausstellung ist, dass diese Darstellung vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen in diesem Zeitraum und dem Kampf der Frauen um Gleichberechtigung erfolgt, die Arbeitsbedingungen und das kreative Schaffen von Frauen zeigt und ihre Beiträge zur Entwicklung des modernen Designs und unserer Lebenswelt hervorhebt.

Da im Bereich des Designs (wie in der Kunst) Frauen und ihre Leistungen in den Geschichtsbüchern, wissenschaftlichen Werken und Lexika viel weniger Erwähnung finden als ihre männlichen Kollegen, hat es sich das Vitra Design Museum zur Aufgabe gemacht und mit dieser Ausstellung großartig umgesetzt, Designerinnen der letzten 120 Jahre sichtbar zu machen und durch rund 80 Designerinnen das von Frauen gestaltete und mitgestaltete Design anhand von Möbeln, Textilentwürfen, Teppichen, Keramik, Geschirr, Glas, und Schmuck vorzustellen.

Die Ausstellung ist in vier Teile gegliedert. Der erste Teil zeigt die Entwicklung des Designs und Europa und den USA, wo damals das Berufsbild entstand. Die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Weltausstellungen zeigten ab der im Jahr 1873 stattfindenden Ausstellung in Wien in eigenen Pavillons die Lebens- und Arbeitswelt von Frauen. Die ausgestellten Produkte waren zumeist Handarbeiten, die dem bürgerlichen Frauenideal der Zeit entsprachen.

Besonders hingewiesen wird in der Ausstellung auf die Bedeutung des Designs im Zusammenhang mit der Verbreitung der Ziele der Frauenbewegung und im Kampf um das Wahlrecht durch Plakate und Flugblätter. Insbesondere den britischen Suffragetten gelang es, durch die Schaffung von identitätsstiftenden Symbolen mit einem eigenen Farbschema für die Wimpel und Schärpen (weiß für Unschuld, violett für Würde, grün für Hoffnung) und der weißen Kleidung die Sichtbarkeit ihres Protests wesentlich zu erhöhen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch – im Zeitalter der schwarz-weiß-Fotografie – in den Zeitungen.

Art Nouveau Plakat der Wahlrechtsbewegung, Ausstellungsansicht “Here we are!”

Ein anderer Aspekt dieser Zeit ist das heute so bezeichnete “Social Design”, das zur Veränderung bzw. Verbesserung der Lebensbedingungen sozial benachteiligter Menschen beitragen sollte. Als Beispiel wird das von Jane Addams und Ellen Gates Starr 1889 gegründete Hull House genannt, ein Nachbarschafts- und Bildungszentrum in einer der ärmsten Gegenden Chicagos. Louise Bringham wieder war durch ihre aus preiswertem Material (Verpackungskisten) herzustellenden Möbel eine der Pionierinnen der Do-it-yourself-Bewegung. Sie veröffentlichte bereits 1909 eine Anleitung zum Bau der einfachen Möbel und gründete in New York die Home Thrift Association, in der sie Jugendliche in der Herstellung von Box Furniture ausildete.

Diese Entwicklungen sind in Verbindung mit dem Kampf der Frauen der Ersten Frauenbewegung um Gleichberechtigung, Bildungsmöglichkeiten und gegen vorherrschende Rollenbilder zu sehen. Durch diese Beispiele wird auch deutlich, dass Designerinnen von Anfang an nicht nur im Bereich der Produktentwürfe, sondern auch als Schulgründerinnen, Lehrende und in der Ausbildung tätig waren, was besonders im zweiten Teil der Ausstellung deutlich wird.

Der zweite Teil ist der Zeit von 1920 bis 1950 gewidmet. Nach dem 1. Weltkrieg, als 1919 das Bauhaus in Weimar/Dessau gegründet wurde, konnten Frauen eine umfassende Ausbildung erhalten, wobei ihnen aber die vom männlich dominierten Direktorium vertretenen Rollenbilder bald vorwiegend die Bereiche Weberei und Töpferei zuordneten. Was Frauen wie Gunta Stölzl in der Weberei und später als Leiterin der Werkstatt, Marianne Brandt in der Metallwerkstatt oder Alma Siedhoff-Buscher in der Holzwerkstätte nicht daran hinderte, Großartiges zu leisten.

Alma-Siedhoff_Buscher_
© Naef_Spiele_Schweiz_Heiko-Hillig

Die Gleichberechtigung der Frauen zeigte sich beispielsweise auch in den 1920 Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten (WChUTEMAS) in Moskau, den Deutschen Werkstätten in Dresden-Hollenau oder in der von Louise Langgaard und Hedwig von Rohden 1919 gegründeten Schule für Körperbildung, Landbau und Handwerk Loheland, die nur Frauen aufnahm. Mit der Öffnung von Ausbildungsstätten für Frauen wurde die Grundlage für eine fundierte Ausbildung und vor allem Professionalisierung geschaffen. Damit war der Weg dafür vorbereitet, dass sich die ersten Designerinnen international durchsetzen konnten, wie Eileen Gray und Charlotte Perriand als Möbeldesignerinnen, Aino Marsio-Aalto als Chefdesignerin und Managerin der von ihr mitbegründeten Firma Artek oder Jeanne Toussant als Creative Director des Schmuckhauses Cartier.

MoebelmuseumWien_Hereweare_2024_©SKB-42-2

Der dritte Teil der Ausstellung, der den Zeitraum 1950 bis 1990 abdeckt, ist auch gesellschaftspolitisch sehr interessant. Er spannt einen Bogen von dem in den Nachkriegsjahren konservativen, rückschrittlichen Frauenbild bis hin zu den Auswirkungen der Frauenemanzipationsbewegung. Wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Schaffen der Designerinnen dadurch beeinflusst, das dieses vielfach mit dem den Frauen zugeordneten Bereich der häuslichen Tätigkeiten und der damit verbundenen Objekte in Verbindung gebracht wurde, zeigte sich durch die durch die Zweite Frauenbewegung ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen und ihren Auswirkungen auf das Leben der Frauen bald ein anderes Bild. Die Aufbruchstimmung der 1960er und 1970er Jahre wurde auch im Design wesentlich von Frauen mitgetragen. Beispiele dafür sind die Möbel von Nanna Ditzel, die Entwürfe von Greta von Nessen für Beleuchtungskörper und die Keramik von Hedwig Bollhagen.

MoebelmuseumWien_Hereweare_2024_©SKB-40

Im vierten Teil der Ausstellung wird gezeigt, dass Frauen im Design heute international anerkannt, erfolgreich und präsent sind. Manche von ihnen definieren Design neu, indem sie über die bisher vorgegebenen Grenzen hinausgehen. Der Blick auf die Zukunft verweist auf die Schnittstelle Design, Naturwissenschaften , Informatik, aber auch auf die Wiederentdeckung traditioneller Handwerkstechniken und den in Verbindung mit dem Klimawandel wichtigen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen sowie das notwendig gewordene Experimentieren zur Neuentwicklung von Materialien.

Patricia-Urquiola-Shimmer-2019-©-Vitra-Design-Museum-photo_-Andreas-Suetterlin

“Wer Design als Träger kultureller Identitäten begreift und als eine Tätigkeit, die Ideen, Überzeugungen und Werten eine materielle Form gibt, wird – sowohl in westlichen als auch in anderen Kulturkreisen – überraschend viele Designerinnen finden. Indem wir ihre Arbeit angemessen würdigen und als Teil der Geschichte des Designs anerkennen, tragen wir zu einem vielfältigeren und diversen Verständnis von Design und seiner Geschichte bei und helfen, neue Vorbilder für eine zukunftsgewandete Designpraxis zu etablieren.” (Susanne Graner, Kuratorin und Head of Collection and Archive des Vitra Design Museums, für die Kuratorinnen der Ausstellung)

Die Ausstellung ist im Möbelmuseum Wien bis 30. Juni 2024 zu sehen!

Besondere Empfehlung der Spurensucherin!

Gleichzeitig mit dieser Ausstellung wurde in der Dauerausstellung des Möbelmuseums Wien ein eigener Rundgang mit besonderen Highlights von Werken von Designerinnen geschaffen, die noch das ganze Jahr über zu sehen sein werden.

Adresse: Möbelmuseum Wien, Andreasgase 7, 1070 Wien (Nähe Mariahilferstraße/ U3 Station Zieglergasse) https://www.moebelmuseumwien.at/

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und Feiertag: 10:00-17:00 Uhr, Montag geschlossen

Zum Weiterlesen:

Frauenarbeit 1870 (Weltausstellung 1873 in Wien): https://www.diespurensucherin.at/frauenarbeit-1870/

Frauen der Wiener Werkstätte: https://www.diespurensucherin.at/wwfrauen/

Bauhaus-Frauen: https://www.diespurensucherin.at/bauhaus-frauen-2/

Gunta Stölzl, Leiterin der Weberei am Bauhaus: https://www.diespurensucherin.at/?s=GUnta+St%C3%B6lzl

Marianne Brandt, Produktdesignerin, Metallwerkstätte am Bauhaus: https://www.diespurensucherin.at/marianne-brandt

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